Freitag, 12. November 2021

Schweres Gepäck - wenn Angst dein Begleiter ist

Bevor du diesen Beitrag liest, möchte ich kurz darauf hinweisen, dass es dabei um meine Erfahrung mit meiner Angststörung geht. Meine Sicht der Dinge bzw. meine Symptome könnten dich triggern. Bitte entscheide selbst, ob deine seelische Stabilität groß genug ist, um meine Worte zu lesen.

Wenige Wochen nach der Diagnose mittelgradige depressive Episode erhielt ich die Diagnose generalisierte Angststörung. Ich hatte mit Panikattacken zu kämpfen. Immer wenn ich dachte "Nicht schon wieder!" befand ich mich mitten in einem Zustand, der mir Todesangst machte. Meinen Körper durchzog eine Art Welle, die am oder im Kopf anfing, die abwechselnd kalt und heiß kribbelte, die meinen Brustkorb zusammendrückte. Mein Kopf war in einer Art Nebel oder Überfüllung. Ich hatte das Gefühl nicht mehr Teil der Welt zu sein. Mein Herz fing an zu rasen, die Angst vor einem Herzinfarkt machte sich breit. Meine Knie wurden weich. Ich fing an zu schwitzen, um gleich darauf sehr stark zu frieren. In meinem Magen brannte es. Übelkeit zog langsam nach oben, meine Verdauung spielte verrückt. Meine Kraft verabschiedete sich von Minute zu Minute. Verschiedenste Ängste erfasste mich und nur der Gedanke an Flucht aus der Situation bot etwas Hoffnung. 

Die ersten Attacken waren sehr heftig, traten an schlimmen Tagen mehrmals auf und konnten bis zu 20 Minuten lang dauern. Sobald mein Körper sich aus der Angststarre löste, ich wieder normal Luft holen konnte, gaben meine Muskeln nach. Die Anspannung war wie ein Marathonlauf für sie. Anfänglich konnte ich nach einer Panikattacke nicht sicher stehen, kaum sitzen, in besonders schlimmen Fällen nicht einmal einen Stift in der Hand halten ohne dabei wie verrückt zu zittern. Auslöser für diese Panikattacken waren von Anfang an nicht nachweisbar. Sie traten auf, wann und wo sie wollten. Ich hatte plötzlich Angst vor der Angst. Wie ich damit leben sollte, war mir zu diesem Moment vollkommen schleierhaft. Meine Psychiaterin sprach mit mir eine Erhöhung meiner Antidepressiva ab, was nach einiger Zeit auch zu einer gewissen Verminderung der Angstzustände führte. Meine Psychotherapeutin ging bis in meine Kindheit zurück und förderte Dinge zu Tage, die ich ganz tief vergraben hatte. Ich versuchte diverse Methoden, die Panikattacken so gut es geht unter Kontrolle zu halten. Besonders mein Aufenthalt in einer Reha-Klinik half mir, wieder mehr Vertrauen in meinen Körper zu entwickeln.

Mit etwas Abstand und einer kleiner Stabilität meinerseits, habe ich für mich unterschiedliche Herangehensweisen gefunden. Sobald sich eine Welle ankündigt, versuche ich mir klar zu machen, dass diese nicht lebensbedrohlich sein wird und das meine Gedanken nicht rationaler Natur sind, weil mein Körper mich mit seinem Mechanismus nur schützen will. Meine Atmung versuche ich ganz bewusst zu steuern. Dabei atme ich tief durch die Nase in den Bauch ein, zähle bis 5, halte inne (zähle bis 3) und atme bewusst länger durch den Mund aus. Außerdem versuche ich mich auf meine Umgebung zu konzentrieren. Was sehe ich, was höre ich, was rieche ich? Auch Dinge, von denen ich weiß, sie machen mir ein wohliges Gefühl sind hilfreich. Das kann ein bestimmter Duft sein oder einfach das Geräusch des Windes, das Plätschern des Regens, mein Lieblingslied oder eine Umarmung eines Menschen, der mir nahe steht. Gefühle, die in mir aufkommen, versuche ich nicht zu unterdrücken, sondern diese zuzulassen. Das ist nicht immer einfach, aber depressive Menschen richten sehr oft ihre Wut gegen sich selbst und bauen eine Art innere Mauer auf. Diese abzutragen kann zum täglichen Kampf werden.

In den Zeiten, in denen ich mich gut fühle, mache ich autogenes Training und achte sehr bewusst auf eine ruhige Atmung. Ich versuche ausreichend Wasser oder Tee zu trinken, achte wieder vermehrt darauf, was ich esse. Zucker und Koffein können Unruhe verstärken und sollten daher nur in Maßen dem Körper zugeführt werden. Ausreichend Schlaf und ein ausgedehnter Waldspaziergang sind für mich eine gute Vorbreitung für das Bewältigen von Panikattacken oder allgemeinen kurzen Angstzuständen. Ich versuche auf meine Bedürfnisse zu achten, den Kopf auszuschalten und mehr mit dem Bauch zu entscheiden. Mein Inneres hat wieder Gehör in meinem Alltag. All diese Dinge sind selbstverständlich kein Schutz für jede Person, die an einer Angststörung leidet. Diese Krankheit ist so individuell, dass auch die Methoden zur Linderung nicht in Stein gemeiselt sind. Betroffene sollten ihren eigenen Weg finden. Herausfinden, was ihnen gut tut, wenn die Angst wieder droht sich in den Vordergrund zu drängen. Wichtig ist vor allem, dass man sich bewusst macht, dass es viele Menschen gibt, die sich täglich diesem Kampf stellen müssen. Angststörungen sind in allerhand Formen sehr verbreitet. Es redet nur kaum jemand darüber, weil viele Ängste unseren Alltag begleiten und als normal angesehen werden. Platzangst, Angst vor Spinnen oder Höhenangst sind nur einige Beispiele. Eine Angststörung kann sich entwickeln, wenn man sich selbst mehr und mehr einschränkt, in eine Vermeidungshaltung geht, sich sozial oder psychisch zurückzieht und belastende Dinge verdrängt. Perfektionismus ist Futter für eine Angststörung. Die ständige Anspannung immer alles richtig, perfekt und pünktlich erledigt zu haben, ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse, kann krank machen. Bei einer ausgeprägten Angststörung ist es mehr als ratsam, sich psychologische Hilfe zu suchen.

Mit meiner Geschichte möchte ich Mut machen, aufklären und vor allem mir selbst beweisen, dass ich genug bin, dass meine psychische Erkrankung ein Teil von mir ist und ich trotzdem ein glückliches und zufriedenes Leben führen kann. Der Kampf lohnt sich, denn am Ende warten noch so viele wunderbare Dinge, die ich erleben will, Orte, die ich besuchen will. Vielleicht werde ich die Angst nie mehr ganz los, aber sie wird mit der Zeit hoffentlich nicht mehr so schwer zu tragen sein.

Solltest du das Gefühl haben, dass du seelisch und körperlich instabil bist, dann bitte suche dir Hilfe. Du bist nicht allein. Es ist ein Zeichen von Stärke, sich einzugestehen, dass man Unterstützung braucht. Wir sind nicht auf dieser Welt um nur zu funktionieren und die Erwartungen anderer zu erfüllen. Du bist der wichtigste Mensch, den du hast!


Mein Weg:

Wenn der schwarze Vogel seine Flügel über dich legt - Depression Teil 1

Wenn der schwarze Vogel seine Flügel über dich legt - Depression Teil 2



1 Kommentar:

  1. Liebe Karin,

    ich habe deinen Beitrag gelesen und es kam mir sogar einiges bekannt vor. Bei mir ist es zwar nicht so extrem, meine Diagnose lautet zwar "leichte depressive Episode", allerdings habe ich während der Gruppe auch einige Dinge herausgefunden, die mich an dem Wort "leicht" zweifeln lassen.

    Es ist auch nach wie vor unfassbar, wie andere Menschen auf einen reagieren, wenn man ihnen sagt, dass man sich nach Hilfe umgesehen hat bzw. welche bekommt. Besonders schön sind dann pauschale Aussagen wie "Der Promi XY hat auch Depressionen", ja, was soll mir das sagen? Oder auch sehr schön ist "Auf dem Sender läuft die und die Sendung, da stellen sich Promis mit Gesprächen und Sport ihren Ängsten". Ja, prima. Sollen sie doch, wie soll mir das jetzt helfen?

    Und so etwas macht mich dann auch gleichzeitig wütend. Die nach wie vor teilweise nicht vorhandene Akzeptanz gegenüber Ängsten und Sorgen anderer Menschen. Grad durch Corona ist doch bei vielen was zutage gefördert worden, das sie lange vergraben und verdrängt haben (manche sogar, ohne es wirklich bewusst zu merken). Und diese Einsicht tut dann auch sehr weh, erst Recht, wenn man alleine ist und niemanden an seiner Seite hat und auch in naher Zukunft nicht haben wird, weil es ja seine Gründe gibt.

    Die Einsicht, Hilfe zu brauchen ist schon ein erster Schritt. Sich hilfe zu suchen und zu erhalten (was ja auch oft Monate dauert, bis es richtig losgeht), sich fremden Personen zu öffnen, ist vielleicht der schwerste überhaupt. Aber nur so kann man lernen, damit zu leben.

    Meine Gruppe hat mir geraten, mich wieder mit den Dingen zu beschäftigen, die mir früher viel Spaß gegeben haben. Dass ich so langsam wieder in Kontakt mit anderen komme und lerne, mich wieder anderen zu öffnen, statt von vorneherein abzublocken, weil man sich in Gedanken schon das schlimmste ausmalt.

    Wenn sie denn stattfinden wird, werde ich vielleicht im Frühjahr wieder mal auf die Leipziger Buchmesse fahren. Etwas, das mir früher viel Freude bereitet hat. Vielleicht sieht man sich ja nach den ganzen Jahren dort mal wieder, es wäre schön. Aber bis dahin, müssen wir uns selbst helfen.

    Gestern habe ich mich mit einer Freundin getroffen und ich habe versucht, mir nichts anmerken zu lassen. So zu tun, als wäre alles prima. Diese Stunden haben mich so ausgelaugt, ich bin jetzt den ganzen Sonntag müde und erschöpft...

    AntwortenLöschen

Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.

Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.