Dienstag, 18. Mai 2021

Wenn der schwarze Vogel seine Flügel über dich legt... (Teil 1)

Bevor du diesen Beitrag liest, möchte ich darauf hinweisen, dass es sich dabei um das Thema Depressionen drehen wird. Auch wenn ich nur über eigene Erfahrungen berichte, möchte ich nicht, dass jemand dadurch getriggert wird.


Letzten Sommer, ich raste wie immer voller Energie im Job hin und her. Ich konnte meinen Urlaub nicht erwarten. Das Gefühl, dass ich in mir trug, tat ich als Vorfreude oder eine Art Neid ab. Solch ein Gefühl war mir fremd. Neid war mir allerdings noch viel fremder. Ich ging darüber hinweg, dachte, es würde schon wieder weggehen. Das tat es nicht und mir wurde das erste Mal auf Arbeit schwindelig. Seit 18 Jahren im Unternehmen und mir war noch nie so komisch. Ich schob es auf die schlechten Nächte, die ich bereits seit einiger Zeit hatte. Schlaf war ab und an Mangelware. Die nächsten Tage kam ein Magenbrennen und Übelkeit hinzu. Ok, offensichtlich zu viel Stress. Also ab und an eine Pause und homöpathische Mittel. Das würde schon wieder besser werden. Ich ging weiter arbeiten. Dann hatte ich das Gefühl, dass ich gleich ohnmächtig werden würde. Ich setzte mich kurz hin. Atmete bewusst ein und aus. Und arbeitete weiter. Plötzlich fingen meine Hände an zu zittern. Ich schob alles auf die Gastritis, die sich mittlerweile gebildet hatte. Dann bekam ich Schmerzen im Schultergelenk. Konnte den Arm kaum heben. Nach ungefähr 10 Tagen durchströmte mich eine Welle, die mir Angst machte. Mein Herz raste, mein Brustkorb zog sich zu. Ich ging endlich zum Arzt.

Eine Odysee begann. Ich besuchte viele verschiedene Arztpraxen, habe mich zu allerhand Spezialisten überweisen lassen. Bekam eine Magenspiegelung, ein 24 Stunden EKG, hatte Blutuntersuchungen, war beim Gleichgewichtstest, ich hatte zwei verschiedene MRTs und alle Untersuchungen führten zu keinem Ergebnis. Meine Blutwerte waren in Ordnung, der Kaliumgehalt war zwar niedrig, aber nicht bedrohlich. Mein Herz war gesund, die MRTs unauffällig, mein Magen zeigte eine leichte Rötung, aber nicht weiter tragisch. Nichts erklärte meine Symptome. Zumindestens dachte ich das. Bis meine Hausärztin vorsichtig anfragte, ob ich mir vorstellen könnte, dass die meisten Symptome psychosomatisch sein könnten. Ich bildete mir das doch nicht ein. Von dem Hinweis, es könnte sich um eine leichte Depression handeln, wollte ich nichts wissen. Ich bekomme doch keine Depression. Ich doch nicht.

Als nach drei Wochen nicht wirklich Besserung in Sicht war, nahm ich den Rat meiner Ärztin ernst und versuchte es mit Johannistkraut. Immerhin eine pflanzliche Variante für Depressionen, nicht gleich die chemische Keule. Das wird schon werden. Optimismus war schon immer meins. Ich machte mich dennoch auf die Suche nach einem Psychiater. Konnte ja nicht schaden. Doch nach dem ersten Termin, kam die Ernüchterung. Ich fühlte mich total unwohl in der Praxis des Arztes. Die Arzthelferin war schnippig und total überzogen, so dass ich mir vollkommen deplatziert vorkam. Der Arzt war zwar kompetent, aber wenig empathisch. Ich nahm weiterhin meine Johanniskrauttabletten und hoffte, das "5-Minuten-ja-Sie-leiden-unter-einer-Depression-Gespräch" zu vergessen. Zunächst ging es mir besser. Ich versuchte meine Atmung wahrzunehmen, mich zu entspannen und keinerlei Stress an mich heranzulassen. Das ging ca. 2 Wochen gut. Ich schöpfte Hoffnung, dass alles bald wieder normal werden würde.

Du ahnst es sicherlich. Es wurde nicht besser. Im Gegenteil. Es wurde erst so richtig schlimm. Es gab Situationen, da konnte ich nicht einmal meine Teetasse halten, manchmal war mir selbst die Gabel beim Essen zu schwer. Ich nahm stark ab, der Appetit hatte sich verabschiedet. Essen und ich führten ein gespaltenes Verhältnis, das zuweilen darin gipfelte, dass ich während der Mahlzeit einfach losheulen musste, weil ich mich so hilflos fühlte. Nichts schmeckte, alles schien den Magen zu reizen. Hinzu kamen Panikattacken, die ich erst als solche definieren musste. Dabei geriet ich jedes Mal in solch eine Angst, dass ich mich nirgendwo mehr alleine hin bewegen wollte. Familie und Freunde waren da. Hörten mir zu. Unterstützten mich, wo sie konnten. Jeder nahm den Druck von mir. Nur ich tat mich schwer damit. Wieso funktionierte ich nicht mehr? Warum schrie es in mir? Was war der Auslöser? Und wann hört das endlich auf? Das Gedankenkarusell in meinem Kopf drohte abzuheben, so schnell drehte es sich. Ich hatte das Gefühl, ich würde mich auflösen. Wer war ich? Wieso fühlte ich mich nicht mehr? Alles an mir, war mir fremd. Die Umgebung wurde mehr und mehr irrealer. 


Hier geht es zum 2. Teil...


2 Kommentare:

  1. Hallo Katrin, danke, dass du so offen über deine Gefühle und Symptome schreibst. Meine eigene Geschichte ist ein wenig anders, aber während meines Aufenthalts in der Tagesklinik habe ich von mehreren Mitpatient*innen solche Erlebnisse gehört: Auch von ihnen haben einige psychosomatische Symptome geradezu angehäuft und weiterhin lange nicht geglaubt, dass ihre Psyche überlastet ist. Gerade deshalb finde ich es gut, wenn jemand – wie du das machst – diese Erfahrung offenlegt und zeigt, dass die Betroffenen damit nicht alleine sind.
    Ich hoffe für dich, dass du zügig einen Weg zur Genesung findest und dann auch die Zeit hast, ihn nicht zügig, sondern mit der notwendigen Zeit für dich beschreiten kannst. Liebe Grüße Claus

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    1. Hallo lieber Claus,

      meine Antwort hat etwas auf sich warten lassen. Depressionen haben viele Gesichter und noch mehr Geschichten. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass mir eine psychische Krankheit einmal das Leben erschwert. Doch es ist so. Und ich finde es wichtig, dass du und dass ich darauf aufmerksam machen und endlich diese Krankheit nicht mehr stigmatisiert wird. Ich wünsche dir ebenfalls alles Gute und vor allem ein dauerhafte Genesung.

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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