Montag, 13. April 2020

Der Mann, der seinem Gewissen folgte - Janet Lewis

Es gibt Menschen, die würden lieber sterben, als zu glauben, dass im Leben nichts Sinn ergibt. In all unseren Handlungen, in allen Dingen und in allen Erscheinungen liegt eine Bedeutung.


1625 ist Sören Qvist Pastor der Gemeinde Jütland. Er ist ein Mann Gottes, der harte Arbeit nicht scheut, hilfsbereit und gutherzig mit seinen Mitmenschen umgeht und vor allem sehr an seiner Tochter Anna hängt, nach dem seine Frau gestorben und sein Sohn fortgegangen ist. Doch Sören Qvist ist auch ein sehr jähzorniger Mann, der seine Gefühlsausbrüche manchmal nur schwer unter Kontrolle halten kann. Erst recht bei seinem neuen Knecht Niels. Niels ist ein Tunichtgut, ein Schwätzer und der jüngere Bruder des reichsten Mannes der Gemeinde. Immer wieder treibt Niels den Pastor bis kurz vor die Raserei, provoziert ihn, wo er nur kann. Niels hat dabei immer ein Lächeln im Gesicht, weiß er doch um die Mildtätigkeit seines Herrn. Morten, der Bruder von Niels, nutzt diese Lage schamlos für seine Zwecke aus und strickt ein Netz, aus dem es kein Entrinnen gibt. Mit einem Auge auf Anna ersinnt er eine List, wie er den ihm verhassten Pastor eine Lehre erteilen kann.

"Der Mann, der seinem Gewissen folgte" ist ein Roman mit historischem Hintergrund aus der Feder der 1998 verstorbenen Lyrikerin Janet Lewis. Mit ihren Romanen, die sich mit strittigen Kriminalfällen aus vergangener Zeit beschäftigten, sorgte die Autorin bereits seit 1941 für Aufsehen. Ihre lyrische und bildhafte Schreibweise macht es dem Leser leicht, der Geschichte ohne Unterbrechung zu folgen. Die Personen bleiben dabei allerdings etwas oberflächlich. Spannung wird vor allem durch den Leser selbst aufgebaut, weil er sich in keiner Zeile sicher sein kann, was und wie die Ereignisse wirklich stattfanden. Der Roman bewegt sich zwischen zwei Ebenen, beginnend mit dem Jahr 1646 und fortführend mit einem Rückblick zu den Ereignissen im Jahr 1625. Allerdings bleibt er bei näherer Betrachtung nicht an diese Zeit gebunden.

Die Geschichte spielt die ganze Zeit über mit den Anforderungen an Schuld und Moral. Die Frage nach Verantwortung schwebt über jedem Kapitel. Der Plot plätschert nicht dahin, er ist keine seichte Unterhaltungslektüre. Der Leser ist mittendrin, auch in seinen Gedanken. Es bewegt sich etwas im Kopf, besonders wenn bei Beendigung des Buches klar wird, dass es Individuen gibt, die vor nichts Halt machen, um ans Ziel zu gelangen. Das besonders zu damaliger Zeit unüberlegte oder gezielte Worte verheerende Auswirkungen haben konnten. Dennoch zeigt der Roman, dass es Menschen gibt, die sich selbst hinterfragen, deren Wort Bestand hat, mögen die Umstände sich auch ändern. Letzteres trifft auf den Protagonisten zu, dessen Integrität unbestreitbar ist und bleibt.

Mich hat das Buch anfangs etwas ratlos zurückgelassen, weil ich mir ein Ende erhofft hatte, welches nicht kam. Hätte ich an dieser Stelle meine Rezension geschrieben, wäre sie wohl sehr viel kritischer geworden, vor allem aber sehr subjektiv. Frust ist jedoch kein guter Ratgeber, wenn man seine Gedanken zu Papier bringen will. Mit etwas Abstand konnte ich das Ende sachlich betrachten. Es macht für den Ausgang der Geschichte keinen Unterschied, wie wütend ich zwischendurch war, wie sehnlichst ich mir eine Wendung herbeigesehnt habe. Dieses Buch ist Sören Qvist gewidmet. Es erzählt seine Geschichte, wie Janet Lewis glaubte, dass sie sich zugetragen haben könnte. Er hat sein Gewissen über das höchste Gut gestellt. Genau das macht den Roman lesenswert!


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Der Mann, der seinem Gewissen folgte - Janet Lewis
Belletristik - dtv Verlag - Übersetzung: Susanne Höbel
Gebundene Ausgabe - ISBN 978-3-423-28190-4 - 22,00 € (D) / 22,70 € (A)


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