Samstag, 20. Juli 2019

Nestgezwitscher mit Albrecht Selge

Im Februar diesen Jahres erschien "Fliegen" von Albrecht Selge. Ein Buch, in dem zwar kein Vogel vorkommt, aber dessen Fortbewegungsart ganz klar auf dem Cover zu lesen ist. Vor allem ein Buch, zu dem ich mit dem Autor sehr gern ein Interview geführt habe.


Wie kam es zu der Idee, einen Roman zu schreiben, der sich mit einer Person beschäftigt, die aus dem Raster fällt und sich in einem Leben im Zug wiederfindet?

Das ist ganz schwer zu rekonstruieren, wenn das Buch fertig ist. Am Anfang stand wirklich die Idee des Zugfahrens. Jemand der immer mit dem Zug unterwegs ist. Dann kam Verschiedenes zusammen. Man begegnet auf einer Zugfahrt unterschiedlichen Menschen. Außerdem hatte ich Gestalten vor Augen, die so gar nichts mit Zugfahren zu tun hatten. Das Ganze verschmolz dann. Es kristallisierte sich diese eine Person heraus, alles andere kam erst viel später. Besonders als ich Reportagen über Leute entdeckte, die tatsächlich so ähnlich wie die Protagonistin leben. Das Wachsen der Figur war eine komplexe Geschichte.
Fährst du selber gern mit dem Zug?

Ja, geht so. Ich bin kein Berufspendler. Sagen wir es mal so, ich fahre gelegentlich, so wie andere Menschen auch.
Gibt es einen Grund, warum deine Protagonistin namenlos im Buch erscheint? Ich bin ehrlich, so richtig greifen konnte ich die alte Dame nicht.

Es flog mich einfach kein Name an. Für mich war da diese Frau, die in gewisser Weise anonym unterwegs ist, immer da und gleichzeitig unsichtbar. Sie ist immer unterwegs. Alle anderen um sie herum sind das auch, aber sie haben ein Ziel. Mir kam es so vor, als müsste ich ihren Namen behalten. Sie ist auch in dieser Hinsicht ungebunden auf Reisen.
Im Vergleich dazu, gibt es einen Grund, warum gerade die beste Freundin der Protagonistin immer mit Namen erwähnt wird? Sie ist die Einzige, die namentlich genannt wird. Alle anderen Figuren werden eher umschrieben.

Für mich war der Name da und sie hat ihn auch gebraucht. Sie ist die beste Freundin und wird so noch einmal herausgehoben. Außerdem wäre es schwierig, wenn ich Lilo dann auch noch als "sie" erwähne.

Eine Frage zum Schreibstil. Ich hatte da so meine Probleme, wenn ich ehrlich bin. Für mich war es sehr abgehackt. Ist dieser Schreibstil nur in diesem Roman zu finden oder schreibst du gar immer so?

In erster Linie versuche ich die Sprache zu finden, die zu der Figur und der Situation passt. Die Protagonistin ist immer unterwegs, schaukelt so vor sich hin, die Gedanken schaukeln auch und gleiten mal da und mal dort hin. Ab und an verpasst sie die Anschlüsse und kommt doch immer weiter. Genauso geht es mit der Sprache des Buches. Man verpasst immer mal wieder den Anschluss, doch letztendlich geht der Satz doch weiter. Das passiert nicht immer ganz korrekt oder wie vorgesehen. Die Sprache ist nur diesem Buch angepasst.
Hast du beim Schreiben bestimmte Angewohnheiten? Vielleicht einen Schreibtag?

Das geben vor allem die familiären Bedingungen vor. Früher habe ich vorwiegend nachts geschrieben, was ich aber mit Familiengründung notgedrungen umgestellt habe. Dann habe ich mir angewöhnt, in der Zeit zu schreiben, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wie bei einem Schreibtischjob in der Zeit von 9 bis 16 Uhr. Abends oder nachts sind meist die kreativeren Phasen, in denen ich mir dann Notizen mache, die ich am Tag verarbeiten kann.
Hast du einen eigenen Raum, den du dann zum Schreiben nutzen kannst?

Ja, ich habe ein Arbeitszimmer in meinem Zuhause.
Gibt es da ein Fenster? Was siehst du, wenn du hinausschaust?

Ja, es gibt ein Fenster. Ich sehe den Himmel, aber dafür muss ich wirklich hochschauen. Wenn ich runterschaue, sehe ich einen Hof, in dem manchmal auch ein paar Tauben unterwegs sind. Ansonsten ist da eher eine Wand, wenn ich geradeaus schaue. Vielleicht wäre es schön, sich vorzustellen, dass die Wand einfach mal vorbeifliegen würde.
Wenn du dir eine Frage aussuchen könntest, die du gern in einem Interview beantworten würdest, die dir aber viel zu selten gestellt wird, welche wäre das?

Du hast diese Frage gestellt! Nämlich die nach der Sprache. Man wird sehr oft nach dem Inhalt gefragt, nach den Schreibumständen, nach allem Möglichen - aber viel zu selten nach der Sprache. Dabei besteht Literatur aus Sprache.
Deine Protagonistin hat ein Lieblingswort. Das Wort Seele verwendet sie sehr häufig in diesem Zusammenhang. Hast du ein Wort, welches du besonders gern magst?

Ich mag sehr gern Komposita. Das Wort "Habseligkeit" zum Beispiel. Es ist einmal zum schönsten Wort der deutschen Sprache gewählt worden. Ich mag zusammengesetzte Wörter sehr.
Gab es Situationen oder Empfindungen bei Zugfahrten, die in den Roman eingeflossen sind?

Ich habe nicht im Zug geschrieben, aber mir auf jeden Fall Notizen gemacht. Im Roman sind die Menschen um meine Protagonistin sehr freundlich zu ihr, was vor allem auch daran liegt, dass sie in gewisser Weise unsichtbar ist. Trotzdem spürt die Protagonistin eine allgemeine Gereiztheit, die man in Deutschland in den letzten Jahren im politischen und gesellschaftlichen Leben spüren konnte. Das nimmt die Protagonistin wahr, auch wenn sie es nicht direkt abbekommt.
Buchgefieder-Frage: Wenn du ein ge- oder beflügeltes Wesen sein könntest, welches wäre das und warum?

Es gibt so viele schöne Vogelarten. Ich würde mich für einen Eisvogel entscheiden. Ich mag aber auch die kleinen Kleiberarten, bei denen nicht das Fliegen im Vordergrund steht, sondern eher das Kopfüber nach unten gehen. Unter den geflügelten Wesen würde ich auf jeden Fall einen Vogel wählen, weil die in sich schon vollkommen sind. Da braucht es gar keine Engel oder andere himmlische Wesen.

Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich bei Albrecht Selge für das wunderbare Interview bedanken, dafür, dass er mit mir quer durch die Messehallen der Leipziger Buchmesse gerannt ist, um ein ruhiges Plätzchen für meine Fragen und seine Antworten zu finden.

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