Dienstag, 17. April 2018

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen - Barbara Imgrund


In meinem Leben habe ich bereits einige Verluste verarbeiten müssen. Seit 300 Tagen befinde ich mich in einer meiner schwersten Trauerphasen. Es ist, als würde ich auf das Meer schauen. Wenn es abebbt, geht es mir gut. Kommt die Flut, habe ich Angst, dass mich die Wellen mitreisen, hinaus auf das offene Meer. Ich habe Angst, dass ich im Wasser zurückbleibe, dass ich mich verliere und mich nie wiederfinde. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich lebe, dass ich lache. Barbara Imgrund gibt mir neue Hoffnung. Sie stellt diese eine Frage in ihrem Roman...


Marie hat ihren Sohn tot zur Welt gebracht. Benjamin, das Glückskind, wurde ihr genommen, bevor sie ihm eine liebevolle Mutter sein konnte. Marie fühlt sich allein. Sie ist noch da, sie ist übrig geblieben. Matti, ihr Mann versucht, ihr Trost zu spenden. Auch er kämpft mit seiner Trauer. Doch Marie lässt keinen Trost zu, sie lässt keine andere Trauer zu. Sie will Matti nicht mehr sehen, ist der Meinung ihre Beziehung habe jede Grundlage verloren. Jede Nacht begegnet ihr ein bedrohlich wirkender Zitronenfalter, der sie mit seinen Augen fixiert. Marie möchte fliehen und weiß nicht wie oder wohin. Ihr einziger Fluchtweg führt sie auf einen Friedhof...

"Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen" ist ein Roman, der sich vorwiegend mit dem Thema Trauer und deren Bewältigung beschäftigt. Dennoch ist die Geschichte von Barbara Imgrund nicht schwer oder ausschließlich von Melancholie geprägt. Die Szenerie wechselt eher zwischen Real und Surreal, was ebenfalls nicht negativ zu werten ist. Im Gegenteil, es macht vieles nachvollziehbar, abwechslungsreich und ab und zu auch undurchschaubar. Erscheint die Protagonistin in ihrem Handeln zuweilen etwas unsympathisch, so sind besonders die Nebencharaktere auf ihre Art sonderbar, dass sie zugleich liebenswert sind. Barbara Imgrund hat einen bildhaften Schreibstil, was sich besonders in der Beschreibung des Friedhofes und seiner Bewohner zeigt. Sie benutzt zwei unterschiedliche Perspektiven während der Geschichte. Zum einen ist sie der Erzähler, zum anderen schreibt sie die Gedanken ihrer Protagonistin in der Ich-Form. Ab einem bestimmten Punkt ahnt der Leser, was es mit den Personen auf sich hat. Diese Vorhersehbarkeit wird von der Autorin allerdings immer wieder gekonnt ins Wanken gebracht.


Doch welche Frage stellt sie in ihrem Roman. Eine Frage, die jedem der übrig bleibt, Hoffnung gibt, sein Leben zu leben, ganz ohne schlechtes Gewissen, nicht ganz allein. "Hast du genug geliebt?" Vielleicht ist es einigen nicht ganz klar, was diese Frage bedeutet. Für mich ist es Folgendes. Will ich mich wirklich in mich selbst verkriechen und dabei denken, dass nur ich allein traurig bin und traurig sein darf. Ich habe die Person, die ich gehen lassen musste, immer bei mir. Egal ob ich lache, ob ich weine, ob ich schlafe oder wach bin. Sie ist immer da. Es ist tröstlich zu wissen, dass Liebe und Verständnis nicht zwangsläufig nur von den Lebenden kommen muss. Genau das macht die Hoffnung dieses Romans aus. Mag er sich noch so sehr mit dem Tod und mit der Trauer beschäftigen, letztendlich geht es um das Leben. Das hier und jetzt. Und es geht um Glück, dieses Leben zu genießen...


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Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen - Barbara Imgrund
Belletristik - Taschenbuch - red.sign media
ISBN 978-1-979-72375-6 - Preis: 8,55 €

Kommentare:

  1. Was für eine schöne, persönliche Rezension! Danke dafür! Alles Gute für dich und dein Blog auf dem Weiterflug durchs Leben! :-)

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    1. Hallo liebe Barbara,

      vielen Dank! Ich habe lange überlegt, ob ich es so persönlich mach, wie ich es online gestellt habe. Danke für diese Geschichte, die ich nun zu meiner Bibliotherapie zähle...

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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