Mittwoch, 14. März 2018

Kranichland - Anja Baumheiher


Kennst du den Bummi? Weißt du, was ein Nicki ist? Hast du schon einmal einen Broiler gegessen? Kennst du den Abschnittsbevollmächtigten deiner Straße? Kannst du einen Pionierknoten binden? Weißt du, was Dederon ist oder Muckefuck? Bist du schon einmal in einer Rennpappe mitgefahren? Hast du vielleicht Timurhilfe geleistet? Kennst du DT64? Weisst du, wo das Tal der Ahnungslosen ist? Oder wolltest du zu der Messe der Meister von Morgen?


Charlotte könnte diese Fragen wohl alle mit ja beantworten. Ihre Schwester Marlene würde dabei eventuell mit den Augen rollen. Die beiden jungen Frauen wachsen in der DDR auf. Vater Johannes ist treues Mitglied der Partei und arbeitet ab Gründung im Kommisariat K5. Mutter Elisabeth arbeitet als Krankenschwester in der Charité. Während Charlotte der ganze Stolz ihres Vaters ist und sich unterordnet, wird in Marlene mehr und mehr der Ruf nach Freiheit und Selbstbestimmung wach. Sie möchte Künstlerin werden. Malen ist ihre Welt. Sie will vor allem malen, was sie will. Ohne Zensur. Ohne Verfolgung. Doch Johannes hat seine Frauen im Griff. Er dultet keinen Widerspruch. Als jedoch Wieland in das Leben von Marlene tritt, treffen ihre Eltern folgenschwere Entscheidungen. Entscheidungen, die tiefe Narben hinterlassen, die noch Jahre später aussehen, wie frisch vernäht...

"Kranichland" ist die Reise einer Familie in ihre Vergangenheit. Mit viel Liebe zum Detail erzählt die Debütautorin Anja Baumheiher zu Beginn die Geschichte zweier Menschen, die sich nach dem Krieg in einem Staat wiederfinden, dessen Grundidee sie befürworten, dessen Leben allerdings mehr und mehr zum Leiden wird. Durch die Wechsel zwischen dem Heute und dem Damals schafft die Autorin eine Atmosphäre, die sich schwer beschreiben lässt. Besonders Menschen, die Erinnerungen an diese Zeit bis 1989 haben, die in diesem Land der Unterdrückung und Bespitzelung gelebt haben, werden sich in einer Art Zeitreise wiederfinden. Tief sitzt das Wissen um die Dinge, die keiner glauben konnte und dennoch wurden sie spätestens nach der Wende für jeden sichtbar. Wie sehr, dass zeigt vor allem der Plot im Heute. Hier wird erkennbar, wie weitreichend manche Entscheidungen ein Leben oder das einer ganzen Familie verändern können. 


Wie die Autorin, wurde auch ich in der DDR geboren. Ich war einst Jungpionier und dann Thälmannpionier. Beim Lesen von "Kranichland" wurde ich unweigerlich an meine eigene Kindheit erinnert. Eine behütete Kindheit und doch hatte ich ab einem gewissen Alter das Gefühl, dass etwas nicht richtig sein konnte. Warum durfte der Junge eine Klasse über mir keine Jeanshose tragen? Was war denn so verwerflich an einer gewissen westlichen Jugendzeitschrift, die meine Freundin nie verleihen durfte, weil es ihre Eltern verboten hatten? Wieso musste jeder Nudossi essen, wo doch Nutella viel besser schmeckte? Und warum konnten wir nicht einfach mal nach Italien fahren? Pizza essen, Eis genießen...Warum musste man sich beim Schuhkauf in eine Warteschlange stellen und ging am Ende doch wieder leer aus? Ich hatte Glück. In vielen Dingen. Ich hatte einen Onkel, der Westpakete schickte oder auch zweimal zu Besuch kommen durfte. Ich kannte als Kind schon Überraschungseier, die Bravo, Nutella. Dennoch bin ich in jeder Hinsicht froh, dass die DDR Geschichte ist. Die Atmosphäre, die in diesem Land herrschte, ist beim Lesen so sehr zu spüren, dass einem fröstelt.

Anja Baumheiher hat einen einfachen Schreibstil, der nicht langweilig oder langatmig ist. Sie versteht es Figuren so zu zeichnen, dass Bilder im Kopf entstehen und lebendig werden. Der Plot war für mich leicht vorhersehbar, was in diesem Fall kein Makel an der Geschichte ist, sondern eher ermutigt, weiter zu lesen. Will man doch wissen, ob am Ende jedes noch so gut gehütete Geheimnis gelüftet wird. "Kranichland" ist ein Buch voller Emotionen. Liebe, Verständnis, Vertrauen, Angst, Wut, Hass, all das kann man finden. Es ist ein Buch, über den Weg das Richtige tun zu wollen und dennoch zu scheitern. Eine Familiengeschichte, wie sie passiert sein könnte, vielleicht viel zu häufig sogar passiert ist. Es zeigt, dass wir nicht vergessen sollten, was ebenfalls zur deutschen Geschichte gehört. Vor allem, dass es wichtig ist, endlich das Denken von Ost und West abzulegen und eines zu sein. 


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Kranichland - Anja Baumheiher
Belletristik - Gebundene Ausgabe - Wunderlich - Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-805-20021-9 - Preis: 19,95 €

Kommentare:

  1. Ich könnte alle Fragen mit ja beantworten, hätte ich jemals gewusst, wer bei uns der ABV war.
    Das Wort kannte ich nur aus einem Buch, da hatte der einen Hund. Ich sehe das Bild vor mir, weiß aber nicht mehr, wie es heißt.

    Liebe Grüße,
    Mona

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    1. Hallo liebe Mona,

      ich hatte so oft das Gefühl, dass ich kleine Flashbacks während des Lesens erlebe. Deshalb musste der ABVer mit hinein...

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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  2. Das klingt nach einem wundervollen Buch und einer Geschichte, von der man viel mitnehmen kann... <3

    Herzliche Grüße,
    Nana

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    1. Hallo liebe Nana,

      mir hat das Buch sehr gut gefallen, ich würde sogar behaupten, dass es eines meiner Lesehighlights 2018 sein wird.

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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  3. Hallo liebe Karin,
    eine tolle Rezension! Ich habe das Buch eben erst gelesen und muss noch meine Rezi verfassen. Als Österreicherin habe ich natürlich keinen solchen Einblick wie du! Aber auch mich hat die Geschichte wirklich beschäftigt...besonders die Passagen aus dem Gefängnis! Und dass ein Mickey Mouse heft solche Konsequenzen ziehen konnte....!
    Liebe Grüße
    Martina
    https://martinasbuchwelten.blogspot.co.at/

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    1. Hallo liebe Martina,

      entschuldige, dass ich jetzt erst antworte. Vielen Dank für das Kompliment! Ich finde es großartig, dass gerade du als Österreicherin so viel von dem Buch mitnehmen konntest.

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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