Mittwoch, 17. Januar 2018

Das Nest - Cynthia D'Aprix Sweeney


Bist du reich, weil du viel Geld besitzt? Oder bist du reich, weil du ein Zuhause hast. Weil eine Familie neben dir steht, auf die du dich immer verlassen kannst. Weil es keine Rolle spielt, ob du in einem Haus oder einer Wohnung lebst, so lange die Menschen bei dir sind, die du liebst. Glück ist nicht, viel Geld ausgeben zu können. Glücklich und reich ist der, der Menschen um sich weiß, denen er als Person wichtig ist.


Leon ist ein verheirateter Lebemann. Er hat viel Geld verdient und steht kurz vor der Scheidung. Über seine leichtfertige Lebensweise können seine drei Geschwister Bea, Jack und Melody nur den Kopf schütteln. Denn ihnen steht das Wasser bis zum Hals. Da muss eine Hypothek abbezahlt werden, die Wohnung soll vergrößert werden und die Töchter können doch bitte nicht auf eine staatliche Universität gehen. Doch es scheint Licht am Ende des Tunnels. Schließlich hat der Vater der vier einen großen Batzen Geld zur Seite gelegt, bevor er verstarb. Das Erbe soll am 40. Geburtstag der jüngsten Tochter ausgezahlt werden. Doch was passiert, wenn das Geld nicht fließt?

"Das Nest" ist der Debütroman der Autorin Cynthia D'Aprix Sweeney. Das eng verwobene Netz der Familiengeschichte der Plumbs aus New York lässt sich anfangs etwas holprig lesen, da die Autorin mit Vorliebe eine bestimmte Form von Schachtelsätzen bildet, die hin und wieder mit Erweiterungen versehen werden. Hinzu kommt die für manchen Leser zu hohe Anzahl von mitwirkenden Charakteren. Da fällt es zu Beginn nicht leicht, den Überblick zu behalten. Dennoch fesselt die Geschichte um die New Yorker Familie, denn ab einem bestimmten Punkt, der sich nicht wirklich genau festlegen lässt, fliegen die Seiten nur so dahin. Von warmherzigen bis boshaften Charakteren, von überführsorglichen bis hin zu sehr verständnisvollen Personen ist beinah alles in diesem Roman zu finden. Auch wenn die Autorin, wie oben bereits erwähnt, ihre Sätze gern ausschmückt, so klarer ist der Schreibstil bei der direkten Rede. Die Dialoge der Figuren sind knackig und treiben den Lesefluss voran. Durch kleine Rückblicke lernt der Leser die Figuren besser kennen und verstehen. 


Mich hat vor allem aber auch das Cover verzaubert. Vier gefiederte Freunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, stellen die vier sehr unterschiedlichen Charaktere der Geschwister dar. Jeder der vier hat seine ganz eigene Ansicht von seinem glücklichen Leben. Waren sie in der Kindheit eng miteinander vereint, so zeigt sich im Alter, dass die Unterschiede nicht größer sein könnten. Dennoch zeigt Cynthia D'Aprix Sweeney, dass man mehr gemeinsam haben kann, als es dem ersten Anschein nach ausssieht. Das Buch ist eine wunderbare Familiengeschichte, wie sie zum Teil überall passieren könnte. Eine Familiengeschichte, die vor allem am Ende genau da ist, wo sie sein sollte. Auch wenn ich einige Textstellen mit einer Art Genugtuung gelesen habe und vielleicht auch mit einem anderen Ende gerechnet hätte, so hat mich der Abschluss, denn die Autorin gewählt hat, mehr als versöhnlich gestimmt. 

Cynthia D'Aprix Sweeney hat es in ihrem Roman geschafft, dass ich mit unterschiedlicher Art gelesen und die Charaktere begleitet habe. So habe ich neben dem verständnisvollen Mitfiebern, auch immer wieder eine Art von Gehässigkeit gegenüber einem Charakter gespürt. Diese Art des Gefühlewechselns während des Lesens habe ich noch nicht sehr oft bei einem Buch erlebt. Meist ist die Empathie oder Antipathie sofort und vor allem stetig vorhanden. Bei "Das Nest" war das anders. Hin und wieder gab es Textpassagen, bei denen sich meine Gedanken abwechselten. In etwa wie "Jetzt hat er endlich die Kurve gekriegt" und dann "Nimm das du Schuft". Ich hatte unterschiedliche Gefühle zu ein und derselben Figur. Eine Figur hätte ich gern geschüttelt, um sie danach in den Arm zu nehmen. Eine andere wollte ich am liebsten anschreien, aber im nächsten Moment wäre ich ihr gern ein Freund gewesen. Ich denke, dieses Gefühlschaos macht das Buch, insbesondere die Figuren für mich menschlich und lebendig. Wer also ein Buch sucht, welches nicht nur so dahin plätschert, sondern bei dem man mitfühlt und auch mitdenken muss, um am Ball zu bleiben, der ist mit "Das Nest" bestens versorgt. 


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Das Nest - Cynthia D'Aprix Sweeney - Übersetzer: Nicolai von Schweder-Schreiner
Belletristik - Klett Cotta Verlag - Gebundene Ausgabe
ISBN 978-3-608-98000-4 - Preis: 19,95 €


Eine weitere sehr lesenswerte Rezension zum Buch findet ihr bei Benni von Listen by Lenny.



1 Kommentar:

  1. Huhu!

    Ich bewundere ja immer, was für tolle Vogelbücher du findest! (Auch, wenn es dieses Mal je wohl nur ein Vogelcover ist.) :-)

    Mit Schachtelsätzen tue ich mich oft etwas schwer, aber ansonsten klingt das Buch so, als könnte es mir gefallen. Ich lese Familiengeschichen manchmal recht gerne, und ich mag es, wenn Charaktere verschiedene Facetten zeigen.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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