Montag, 24. April 2017

Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt - Hilde K. Kvalvaag


'Soll ich wirklich springen? Eigentlich haben Katrin und ich das immer zusammen gemacht. Aber sie ist nicht da. Meine Schwester, mit der ich jedes Jahr den Sommer bei Oma und Opa verbringe, ist nicht hier! Ich will nicht kneifen. Ich schaff das auch allein. Ich beweise es mir selber! Wer braucht schon Katrin?' Und dann spüre ich die Kälte des Wassers und die Luftblasen tanzen um mich herum.


Johanne verbringt jedes Jahr ihre Sommerferien gemeinsam mit ihrer älteren Schwester bei Oma und Opa. Doch dieser Sommer ist anders. Katrin ist nicht da, aber sie will nachkommen. So verbringt Johanne Tag um Tag in ihrem Sommerferienjob, wird von Oma bekocht und hat das Gefühl niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, wenn sie am Wasser spazieren geht. Doch da ist auch noch Are, ihr Schwarm vom letzten Jahr. Ob sie diesen Sommer mehr Zeit mit ihm verbringen wird? Jeden Tag wartet sie im Laden auf ihn...doch es scheint, als ob Are andere Interessen hat...

"Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt" ist ein Jugendroman, deren Protagonistin sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden befindet. Das sie damit allerdings so ihre Probleme hat, lässt sich sehr leicht herauslesen. Johanne ist sehr sprunghaft und wenig gefestigt in ihrem Charakter. Sie schwankt ständig zwischen Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt hin und her. Dieses Verhalten macht es dem Leser nicht unbedingt leicht, sie zu mögen. Sie wechselt ihre Ansichten, wie manch anderer seine Kleidung. Leider gewinnt die Figur von Hilde K. Kvalvaag so auch nicht wirklich an Tiefe. Es ist einfach schwer, sich Johanne bildlich vorzustellen. Auch mit anderen Figuren passiert da eher wenig. Are bleibt flach, genauso wie sein Verhalten gegenüber Johanne, die wohl viel mehr in ihn hinein interpretiert als er an Signalen sendet. Die Großeltern stellt man sich am ehesten wie die eigenen vor. Durch die wenig intensiv gezeichneten Figuren erscheint auch die Handlung etwas dünn, obwohl sie das nicht sein müsste.


Natürlich ist es nicht immer einfach, mitten in der Pubertät oder am Rande zum Erwachsensein zu sein. Dennoch hätte man hier mehr darauf achten müssen, das auch in der Sommerzeit gewisse Grenzen einzuhalten sind. Diese werden weder von den Großeltern noch von der erwachsenen Freundin gesetzt. Im Gegenteil alle leben ganz wunderbar aneinander vorbei und nur die jugendliche Johanne dreht sich im Mittelpunkt dieses Lebens. Sicher wird hier und da an die Verantwortung erinnert, die man auch in jungen Jahren schon hat. "Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt" lässt vom Titel erahnen, dass es nicht der glücklichste Sommer sein wird, aber etwas mehr sommerliche Leichtigkeit und vor allem "Paradies" hätte dem Plot sehr gut gestanden. Und damit meine ich nicht den Einsatz von Strandpartys. Hier spielt eher der fehlende beschriebene Hintergrund eine Rolle. Beim kühlen norwegischen Sommerwetter kommt einfach keine warme Stimmung auf. Auch dann nicht, wenn man in eiskaltes Wasser springt und im Sommerkleidchen an der Kasse sitzt. Mit wärmerer Umgebungsbeschreibung und sommerlichen Erlebnissen, wie Eisessen, Freunde treffen, die Sonne genießen wäre sicherlich das ein oder andere mehr aus der Geschichte zu holen gewesen, auch wenn es banal klingt.

Trotz all der zuweilen negativen Empfindungen beim Lesen sticht der Schreibstil insofern hervor, dass man sehr schnell am Ende der Geschichte angelangt ist. Kurze knackige Sätze ohne Schnörkel, leider auch ab und an ohne Emotionen, führen durch die ebenfalls knackig kurzen Kapitel. Da hilft es leider wenig, dass die Autorin in der Ich-Perspektive schreibt. Ein So-was-habe-ich-auch-schon-erlebt-Gefühl stellt sich einfach nicht ein. Verständnis für die ein oder andere Situation in der sich die Protagonistin befindet, mit eingeschlossen. Schade, denn so ein sommerlicher Jugendroman wäre sicherlich nicht nur für die dementsprechende lesende Altersgruppe interessant.

Das Buch wurde aus dem Norwegischen von Maike Dörris übersetzt.


Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt
Hilde K. Kvalvaag - Maike Dörris - Gerstenberg Verlag
Gebundene Ausgabe - Jugendbuch ab 14 Jahren
ISBN 978-3-836-95712-0 - Preis: 13,95 €

Kommentare:

  1. Schade, der Titel klang so gut! :)
    Gruß, Daniela

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    1. Hallo liebe Daniela,

      ich hatte mir auch sehr viel mehr erhofft, weil der Titel wirklich sehr anspricht.

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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    2. Hallo Karin,
      zur Ergänzung: Ich habe deinen Beitrag auf meiner Wanderung durch die Welt der Bücherblogs verlinkt.
      Gruß Daniela

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  2. Wow, du hast es wirklich geschafft, mich trotz einiger Kritikpunkte mit dem Zitat neugierig zu machen.
    Ich finde es gut, dass du erwähnt hast, dass das Original auf Norwegisch erschienen ist. Ich frage mich gerade, ob deine Kritikpunkte vielleicht auch aus kulturellen Unterschieden resultieren. Trotzdem natürlich schade, dass dir der Titel nicht wirklich zugesagt hat.

    Liebe Grüße
    Kat

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    1. Hallo liebe Kat,

      genau genommen ist es kein Zitat aus dem Buch sondern eher eine Einleitung zu meiner Rezension, wie ich mir einen inneren Monolog der Protagonistin vorstellen könnte. Ob meine Kritikpunkte auch aus kulturellen Unterschieden resultieren könnten, hatte ich noch gar nicht bedacht. Bei einigen wäre dies durchaus denkbar.

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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Ich freu mich über euer Gezwitscher!