Freitag, 10. März 2017

Der Junge, der nicht hassen wollte - Shlomo Graber


"Wenn sie mich erwischen, wie ich Essen stehle, dann bin ich tot. Vermutlich trifft mich gleich eine Kugel im Rücken oder im Kopf. Vielleicht ist das nicht einmal das Schlimmste. Aber wer versorgt Vater dann mit Nahrung aus dem Schweinetrog?"

Wenn man ein Buch aufschlägt, bei dem einem klar wird, dass es kein gutes Ende nimmt, dann tut es mit diesem Vorwissen um so mehr weh, von einem Jungen zu lesen, der zwar in einer armen Familie lebte, bei der er viel mit anpacken musste, aber trotzdem eine Kindheit hatte, die er als sehr glücklich beschreibt. Es verwundert, dass dieser Mensch, der bereits im Jahr 1926 geboren wurde, so voller Liebe und Hingabe die doch so schrecklichen Erlebnisse zu Papier gebracht hat.

"Sei stark und lass keinen Hass in dein Herz...
Liebe ist stärker als Hass, mein Sohn...
vergiss das nie!"

aus dem Buch "Der Junge, der nicht hassen wollte"


Shlomo Graber ist in einem jugendlichen Alter als er deportiert wird. Von Ungarn kommt er mit seiner gesamten Familie nach Auschwitz. Eingepfercht in Eisenbahnwaggons, mehr als Vieh behandelt, nicht als Menschen. Shlomo versteht zunächst nicht, was sich in seiner Welt alles verändert. Fest im Glauben, es wäre alles nicht so schlimm und man wäre bald wieder zu hause. Er könne bald wieder seiner Mutter zur Hand gehen und mit seinen Geschwistern spielen. Doch ihm wird beim Ausstieg schmerzlich klar, dass es nicht so sein wird. Warum lässt Gott dies geschehen? Ist er ein Sünder und müsse bestraft werden? Gedanken, die man mit heutigem Wissen nicht unbedingt nachvollziehen aber durchaus verstehen kann. Shlomo hat nicht gesündigt, er hat nichts Unrechtes getan.


"Der Junge, der nicht hassen wollte" ist ein Zeitzeugenbericht, der an einigen Stellen etwas distanziert geschrieben ist und nicht jede Szene tiefer beschreibt. Dies macht das Buch aber um so lesenswerter, besonders auch für Jugendliche. Shlomo Graber hat ganz bewusst darauf verzichtet, die besonders schlimmen Erlebnisse zu beschreiben. Er möchte, dass sein Buch einer Vielzahl von Menschen zugänglich werden kann. Auch ohne diese Brutalität, ist dieses Buch voller Unglück und gleichzeitig so voller Hoffnung. Shlomo nimmt sich die Worte seiner Mutter zur Herzen. Er hasst nicht. Auch dann nicht, als ihm soviel genommen wird. Auch nicht, als er nach seiner Befreiung einer deutsche Frau und ihrer kleinen Tochter ein Stück Brot schenkt. Er ist auch Jahre später nicht voller Hass, sondern versucht zu erklären, das Liebe immer stärker ist. Angesichts seiner Geschichte vermag man selbst nicht an die Liebe glauben. Bemerkenswert, dass ein Mensch nach solch grausamen Erlebnissen am Menschsein festhält und die Menschlichkeit noch immer als oberstes Gut betrachtet. Wie ein Mensch mit voller Hingabe sein Schicksal angenommen und daraus seine Stärke gefunden hat. Wie ein Mensch so viele Worte hat, um uns davon in seinem Buch, in seinen Vorträgen zu erzählen, was er durchlebt hat. Und über all dem schwebt der Satz seiner Mutter. Ein Satz der so viel Wärme ausstrahlt. Wärme, die Shlomo Graber mit durch sein Leben genommen hat. Da ist kein Platz für Hass. Auch sein Großvater wusste das Hass immer weiter wächst.

"Risse sind wie beginnender Hass, Shlomo:
Man vergrößert sie nicht - man repariert sie."

aus dem Buch "Der Junge, der nicht hassen wollte"


Dieses Buch sollte Schullektüre sein. Lektüre neben dem Tagebuch der Anne Frank, Lektüre gegen das Vergessen. Besonders in der heutigen Zeit, in der Liebe und Menschlichkeit wichtiger sein sollte, als schnelles Internet, alternative Fakten und Fakenews. Eine Zeit in der wir uns darauf besinnen sollten, dass es Menschen gibt, die offenen Herzens durch die Welt gehen, ohne zu hassen und das, obwohl sie allen Grund dazu hätten. Doch Hass zerstört, seine Risse treiben die Menschen immer weiter auseinander. Genau das will Shlomo Graber verhindern. Er will zeigen, dass es sich immer zu kämpfen lohnt, auch wenn es schwer ist, dass es sich nicht lohnt zu hassen, wenn man soviel Gutes erreichen kann. Darum erzählt er uns seine Geschichte.

Ich würde dieses Buch gern als Pageturner bezeichnen und denke doch, dass dies nicht die richtige Bezeichnung ist. Auch wenn man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Es ist erschreckend und ergreifend zugleich, dass diese Geschichte notiert werden musste. Viel ehrlicher und liebevoller kann man von seinen schrecklichen Erlebnissen nicht schreiben. Viel liebevoller und vor allem menschlicher wäre nur, wenn Deutsche Geschichte so nie geschehen wäre...

Der Junge, der nicht hassen wollte - Shlomo Graber
Taschenbuch - Riverfield Verlag
ISBN 978-3-952-46405-2 - Preis: (D) 19,90 € / (A) 20,90 € / (CH) 24,90 CHF


Kommentare:

  1. Hallo!
    Die rezension hast du wunderschön geschrieben. Ich denke auch, dass dieses Buch noch viele Menschen lesen müssen. Ein wichtiger Zeitzeugenbericht.
    Ganz lieben Gruß
    Yvonne

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    1. Hallo liebe Yvonne,

      vielen Dank für das Kompliment! Dieses Buch sollten so viele Menschen wie nur möglich lesen, da hast du vollkommen Recht.

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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  2. Wow, eine großartige Rezension die mich erreicht hat. Besonders Deine Aussage zu der Schullektüre unterschreibe ich voll und ganz. Es gibt so viele Bücher zum Thema Holcaust, Flucht, Vertreibung die gelesen werden müssen. Ich komme selbst nie an diesen Büchern vorüber auch wenn sie mich sehr bewegen. Im Moment lese ich der letzte Überlebende von Sam Pivnik.
    Liebe Grüße und eine gute Lesezeit
    Kerstin

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    1. Hallo liebe Kerstin,

      es freut mich sehr, dass dir die Rezension gefällt und vor allem, dass sie auch berührt. Es ist ein wirklich lesenswertes Buch.

      Ganz liebe Grüße
      Karin

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Ich freu mich über euer Gezwitscher!